Freitag, April 08, 2005

Der tübinger Blick # 1

Da gibt es ein Gebäude am Neckar. Es war das Pflegeheim eines nicht dichten Dichters (oder war er ständig dicht?). Auf jeden Fall trägt es seinen Namen. Meine Großtante Marthel war auch in einem Pflegeheim. Sie ist 100 Jahre alt geworden. Am Schluss wusste sie nur noch ihren Namen. Trotzdem heißt ihr Pflegeheim nicht Tante-Marthel-Turm. Egal, direkt gegenüber ist schon Mal das Fundament für die Tübinger Abtreibungsklinik gebaut worden. Nicht das die Tübinger was gegen Abtreibung hätten, nein sie haben was dagegen, dass das Taubenhaus die Sicht von der Neckerinsel auf den Hölderlinturm stört. Und was macht der Tübinger wenn ihn etwas stört? Er schreibt Leserbriefe. Vom schäbigen Tagblatt liest der Tübinger den Mensaplan , das Kinoprogramm (nie aber die Kritiken, denn kritisch gesehen sind die Kritiken echt kritisch zu sehen) und die Leserbriefe. Die schäbigen Seiten, das Überregionale, wird für den Biomüll verwendet. Der Tübinger liest Leserbriefe, weil er sie selbst schreibt. Und damit wird konkrete Politik betrieben, also protestiert. Apropos Politik betreiben, manchmal sind auch die regionalen Seiten richtig schäbig. Es wird auf der ersten Seite berichtet, wie eine soziale Randgruppe mit Platzverweise wegen Hundehaltung bestraft werden soll. Das Foto zeigt vier Hunde die sich an einem Tau verbissen haben. Hatten die im Archiv keine Fotos von rosa Pudel? Dann wäre wohl Tante Marthel vom Holzmarkt verwiesen worden. Wo waren wir? Ach ja, die Abtreibungsklinik für Tauben. Der Protest hat sich gelohnt, die Klinik stört nicht den Tübinger Blick, sie ist auf dem anderen Neckarufer gebaut worden.

Klaus Romero
28. März 2000

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