Dienstag, Dezember 06, 2005

Fliegende Schweine

Lieber Aubrey,

ich habe Dich neulich im Fernsehen gesehen. Nachdem Du inzwischen ja bekanntlich das Problem des Alterns ein für alle Mal gelöst hast, bin ich optimistisch, dass Du mir bei einer ähnlich schwerwiegenden ingenieurtechnischen Herausforderung helfen kannst. Diese wird nämlich von der gleichen ultrakonservativen Riege von Wissenschafts-Angsthasen für unmöglich gehalten: Es geht um das Aufgabe, fliegende Schweine zu konstruieren.

Eine theoretische Analyse des Problems, die ich mit den schnellsten mir zur Verfügung stehenden Computern zusammengetragen habe, zeigt, dass es nur ganze sieben Gründe gibt, warum Schweine nicht fliegen können:

1. Sie haben keine Flügel.

2. Sie sind zu schwer, um abzuheben.

3. Das so genannte "Gesetz der Schwerkraft".

4. Schweine können nicht auf Bäume klettern.

5. Sie haben Haare statt Federn.

6. Sie wollen eigentlich gar nicht fliegen.

7. Sie zwitschern nicht.

Wegen meines stressigen Hauptjobs hatte ich bislang zwar keine Zeit für längere Arbeiten im Labor; dennoch konnte ich einen Ansatz entwickeln, der glasklar zeigt, wie all diese Probleme gelöst werden können. Ich nenne meinen Plan "PEPA" – die Strategie für ingenieurtechnisch erzeugte Flugschweine. Hier sind meine sieben Antworten auf den obigen Problemkomplex:

1. Keine Flügel: Die moderne Gentechnik wird es dank Hox-Box-Promotern und Mikro-RNA-Gen-Verbesserern möglich machen, das Flügelwachstum zu reaktivieren. Ein bisschen Stammzellentherapie hilft sicher auch, jedenfalls kann sie sicher nichts schaden...

2. Zu schwer: Obwohl die durchschnittliche Schweinezelle dicke 20 Mikrometer Durchmesser hat, haben Mikrobiologen kürzlich dokumentiert ("Nature" 420:806, 2002), dass es frei lebende Organismen gibt, deren Zellen nur 0,8 Mikrometer im Durchmesser aufweisen. Laut dem bekannten umgekehrten Würfel-Gesetz erreicht man bei einer Reduktion des Zelldurchmessers von 25 eine Reduktion des Gewichtes in Höhe von 25 hoch 3 - ergo 15.625, was das Schweinegewicht entsprechend reduzieren dürfte.

3. Das Gravitationsproblem: Ganz leicht zu lösen. Entweder man bringt das Schwein auf den Mars-Satelliten Phobos, auf dem geringe Schwerkraft herrscht (wo die Leute ja sowieso auf dem Mars vorbeischauen wollen) oder man lässt das Schwein einfach auf dem Weg dorthin los. Eine andere Möglichkeit wäre es, kurzfristig eine Hypergravitation zu schaffen, in dem man die Erde aushöhlt. Der schwere und eigentlich unnötige Kern kann einfach weg. Wenn wir es richtig anstellen, wird sich dadurch auch die Erdrotation so stark erhöhen, dass sich das Schwein mit einem kleinen Schubs ins die Lüfte erhebt.

4. Können nicht auf Bäume klettern: Wer sagt denn, dass Schweine nicht auf Bäume klettern können? Auf die Idee kommen wir nur, weil wir ihnen ihr Futter entweder in Trögen oder im Unterholz französischer Wälder servieren. Es fehlt ihnen einfach die Motivation zum Klettern. Im schlimmsten Fall hilft auch ein Toxin-behandelter Nano-Bonsai.

5. Keine Federn: Das Gen der Drosophila Antennapedia (für das es kürzlich den Nobelpreis gab), macht es möglich, aus Borsten Beine oder Antennen zu formen. Es gibt keinen Grund, dass das nicht auch mit Federn und Schweinen klappt.

6. Fehlende Motivation: Leicht zu lösen – LSD hilft.

7. Das Zwitscher-Problem: Helium-Säcke, unter den Achselhöhlen implantiert, pumpen jedes Mal ein bisschen Helium in ihren Rachenraum, wenn sie mit den Flügeln schlagen.

Obwohl all diese Strategien entweder auf exakten wissenschaftlichen Vorbildern oder purer Fantasie basieren, argumentieren die konservativen Kritiker hier in meiner Fakultät aus ihrem Elfenbeinturm heraus, dass bislang keiner dieser Methoden Erfolg bei dem Versuch beschert war, aus Borstenvieh Flugtiere zu machen. Allerdings hat ja auch noch niemand alle sieben Methoden gleichzeitig probiert! Außerdem bekomme ich fast keine Mittel für dieses Projekt zusammen: Die zuständigen Ausschüsse bestehen stur darauf, dass andere Wissenschaftler ein Peer-Review durchführen! Das PEPA-Programm wird jedoch längst von Dutzenden wichtiger Wissenschaftler befürwortet (oder jedenfalls nicht öffentlich angeprangert). Ihre Namen kann ich Dir nennen – auf Deinen ausdrücklichen Wunsch.

So großartig das auch klingen mag, so glaube ich doch, dass wir uns an einem historischen Wendepunkt in Sachen Schweine-Kultur oder auch Schweine-Flug befinden. Alle Borstentiere, die vor dem 14. April 2009 geboren wurden, werden ihr Leben lang nur auf dem Boden verbringen und dort nach Nahrungsresten stöbern und missgelaunt grunzen. Ihr Ringelschwänzchen wird dabei ständig im Gebüsch hängen bleiben. Nicht so ihre Kollegen, die nach dem 15. April 2009 (oder einige Tage später) geboren wurden: Sie haben es geschafft! Sie werden einst durch den breiten Himmel schweben, sich gegenseitig fröhlich zwitschernd grüßen, hier und da an Flugtrüffel knabbern und zwischendurch je nachdem das Panorama von Cambridge oder Phobos genießen. Natürlich werden sie auch ewig leben, weil sie sich an all jene Regeln halten, die Du in Deinen Artikeln so rührend umschrieben hast.

Was ich jetzt noch brauche, ist ein cleveres Marketingkonzept – vielleicht einen Preis oder so, der Journalisten und Konferenzorganisatoren glauben lässt, dass der einzige Grund, warum nichts von meinen Theorien bislang umgesetzt ist, an der Angst anderer Wissenschaftler liegt, mit mir darüber zu debattieren. Hast Du vielleicht einen Rat für mich?

Ich wünsche Dir das allerbeste, Richard Miller

Übersetzung: Ben Schwan

http://www.heise.de/newsticker/meldung/67015
http://www.heise.de/tr/artikel/64374
http://www.heise.de/tr/aktuell/meldung/67013

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